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Karwoche – Gott ganz nah am Menschen

Immer wieder bin ich erstaunt wie viele unterschiedliche Gefühle die biblischen Erzählungen der Karwoche enthalten. Es beginnt mit dem Jubel am Palmsonntag, der sich schnell in das hasserfüllte „Kreuzige ihn“ des Karfreitags wandelt. Da ist die hingebungsvolle Liebe, mit der Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht und das Liebesmahl mit ihnen feiert. Und da ist die existenzielle Angst, wenn Jesus in Getsemani voll Flehen zu seinem Vater betet. Da ist der Verrat des Judas und die Verleugnung des Petrus und das tiefe Gefühl von Schuld und Vergebung. Da sind Trauer und Schmerz der Frauen in Jesu Gefolgschaft. Und da ist die große Ohnmacht und Verlassenheit am Kreuz. In einer einzigen Woche ballen sich alle menschlichen Gefühle zusammen, wo wir sonst in der Bibel nicht viel über Jesu Gefühlsleben lesen. Nur ein einziges Mal wird berichtet, dass er weint, als sein Freund Lazarus gestorben ist. Und einmal erleben wir ihn wütend, als er die Händler aus dem Tempel hinauswirft.

Genau das macht diese Woche für mich so entscheidend, weil ich dort auch alle meine eigenen Gefühle wiederfinden kann. Besonders an Tagen und Wochen, wo es bei mir, wenn nicht um den Tod, so doch vielleicht um eine wichtige Entscheidung geht, wenn ich in eine Krise gerate, oder um einen lieben Menschen trauere, kenne ich diese unterschiedlichen Gefühle, die manchmal ganz unsortiert auf mich einströmen. Da kommt mir dieser sonst oft so fremd-ferne Gott in Jesus plötzlich nahe, weil ich spüre, dass er selbst diese Gefühle erlebt hat, dass er Angst, Trauer, Wut und Zweifel kennt, bis hin zum „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“.

Und es fasziniert mich, dass Jesus all diese Situationen immer noch mit Gott in Berührung bringt. In seiner Angst betet er zu seinem Vater und selbst in der letzten großen Verzweiflung ruft er „mein Gott“. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass er in allem vielleicht doch getragen ist, auch wenn er es gerade nicht spüren kann.

Diese Erkenntnis nimmt mir meine Trauer, Angst, Wut, meine Zweifel und meine Ohnmacht nicht ab, aber ich fühle mich nicht mehr so alleine damit. Und ich beginne zu hoffen, dass das, was am Ende dieser Woche für Jesus steht, auch für mein Leben gelten könnte.

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