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Ganz ungeschminkt!

Es ist Aschermittwoch und somit liegen die närrischen Tage hinter uns. An diesen Tagen haben sich viele Menschen um uns herum verkleidet und Masken aufgesetzt, vielleicht auch wir selbst. Ganz beliebt sind Clownsmasken. Manchmal kommt es auch vor, dass Menschen sich so stark für diese Maske geschminkt haben, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind, sogar auch nicht für die Menschen, die sie gut kennen.

Wir Menschen setzen uns aber nicht nur zu Fasching, Fastnacht oder Karneval Masken auf, sondern auch an vielen anderen Tagen im Jahr, unsichtbare Masken:

Eine Maske der Freude, wenn ich eigentlich traurig bin.
Eine Maske des Draufgängers, wenn ich eigentlich ängstlich bin.
Eine Maske des Machos, wenn meine Probleme nicht erkannt werden sollen.
Eine Maske des Egoisten, wenn ich zu sehr von mir selbst ablenken will.
Und wahrscheinlich gibt es noch viele andere Masken…

Wir verstecken uns häufig hinter Masken, weil wir nicht entdeckt werden wollen, so wie wir wirklich sind, mit unseren Schwächen, Problemen, Eigenarten, wenn wir nicht in einem schlechten Licht erscheinen wollen, wenn wir uns von unserer besten Seite zeigen wollen, um ja nicht den Anschein zu erwecken, dass es uns schlecht gehen könnte. Jeder tut alles dafür, keine Angst zu verspüren. Menschen setzen Masken auf, um scheinbar unverletzlich zu bleiben.

Seit wann ich eine Maske trage? Genau kann ich es eigentlich nicht sagen: jedenfalls schon lange. Ich vermute, seit ich angefangen habe, bewusst zu leben. Ich habe inzwischen gemerkt, dass mir das Tragen einer Maske bereits zur Gewohnheit geworden ist. Da ist mir zum Weinen zumute – aber es geht nicht, weil man als Mann über „so etwas“ doch nicht weint! Ein anderes Mal könnte ich zerplatzen vor Lachen, aber es gehört sich nicht, wäre kindisch und unpassend! Oder ich möchte meinem Gegenüber vor Wut ins Gesicht schlagen, stattdessen lege ich höflich mein Gesicht in Falten. Im Großen und Ganzen ist es einfach besser, eine Maske zu haben, hinter der ich mich verstecken kann. Da kommt der andere nicht so schnell dahinter, wie unsicher ich oft bin. Und wenn ich mir anmerken ließe, wie ich wirklich denke und wie es mir wirklich gerade zumute ist, dann könnte ich mich kaum halten. Und noch einen Vorteil hat die Maske. Ich kann sie schnell wechseln. Wenn die eine Maske nicht passt, setze ich eben die andere auf. Es ist auch zu anstrengend, pausenlos zur Wahrhaftigkeit verpflichtet zu sein.
Auf der anderen Seite – es ist auch anstrengend, immer wieder eine neue Maske aufzusetzen, und dann auch noch jedes Mal die richtige zu finden. Trage ich wirklich gerne meine Masken? Soll ich lieber doch nicht ich selbst sein? Aber: Wer mag mich dann noch? Ist es das, die Angst nicht geliebt zu werden, die mich Masken tragen lässt? Oder einfach Erfahrungen, die mich zum Selbstschutz den Beruf des Maskenbildners ergreifen lässt?

Gott kennt mich auch ohne Maske, vor ihm kann ich gefahrlos meine Maske abziehen. Weil er mich so geschaffen und erdacht hat, er kennt mich durch und durch und ich kann ihm nichts vormachen. Bei ihm kann ich so sein, wie ich bin. Ganz ungeschminkt! Welch eine Wohltat, keine Maske aufziehen zu müssen und so sein zu dürfen, wie ich bin.

Vielleicht ist gerade die nun beginnende Fastenzeit passend dafür, in den nächsten vierzig Tagen auf die gewohnten Masken zu verzichten und sich darauf zu besinnen, wer ich wirklich bin und dass ich mich nicht dafür schämen muss. Von welcher Maske möchte ich mich in dieser Fastenzeit befreien? Wagen wir es und leben ohne Maske, völlig ungeschminkt!

Wo du geliebt wirst, kannst du getrost alle Masken ablegen,
darfst du dich frei und ganz offen bewegen.
Wo du geliebt wirst, zählst du nicht nur als Artist,
wo du geliebt wirst, darfst du so sein, wie du bist.
Wo du geliebt wirst, musst du nicht immer nur lachen,
darfst du es wagen, auch traurig zu sein.
Wo du geliebt wirst, darfst du auch Fehler machen
und du bist trotzdem nicht hässlich und klein,
Wo du geliebt wirst, darfst du auch Schwächen zeigen oder den fehlenden Mut,
brauchst du die Ängste nicht zu verschweigen, wie es der Furchtsame tut.
Wo du geliebt wirst, darfst du auch Sehnsüchte haben,
manchmal ein Träumender sein, und für Versäumnisse,
fehlende Gaben räumt man dir mildernde Umstände ein.
Wo du geliebt wirst, brauchst du nicht ständig zu fragen nach dem vermeintlichen Preis.
Du bist von der Liebe getragen, wenn auch unmerklich und leis.

(aus: Elli Michler: Ich wünsche dir Zeit, Die schönsten Gedichte von Elli Michler. München 52010.)

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