/Sehen und gesehen werden

Sehen und gesehen werden

Geistlicher Impuls von Br. Johannes Roth OFM

Im Evangelium des letzten Sonntags (Lk 18, 9-14erzählt Jesus seinen Jüngern eine Beispielgeschichte von zwei Männern, die in den Tempel gehen, um dort zu beten. Jeder tut dies auf seine Weise. Der Pharisäer stellt sich hin und spricht leise ein Gebet, in dem er sich bei Gott dafür bedankt, dass er nicht so sei wie die anderen Menschen, die diese oder jene Sünde tun. Der zweite Mann hingegen – ein Zöllner – bleibt ganz hinten stehen und wagt es nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben. Er schlägt sich an die Brust und bittet Gott, dass er ihm, dem Sünder, gnädig sei.

Beim Betrachten dieser Geschichte ist mir aufgefallen, dass es nicht nur Unterschiede in der Einstellung des Betens gibt, sondern auch darin, ob man beim Beten gesehen werden möchte oder nicht. Dieser Aspekt war neu für mich. Vermutlich findet sich jeder von uns irgendwie und irgendwann in dieser Geschichte wieder, denn unser Beten ist nicht immer gleich. So steckt in jedem von uns mal der Pharisäer und mal der Zöllner oder vielleicht sogar beide zugleich. Der Pharisäer, der Gott liebt und achtet und der Zöllner, der auch mal unmoralische Dinge tut und trickst und sich herausredet. So wie sich diese beiden im Tempel treffen, treffen sie sich auch in mir. Mal ist der eine stärker ausgeprägt und mal der andere. Diese zwei Seelen können in meiner Brust wohnen. Beide verbindet aber der Wunsch, von Gott angesehen zu werden. Dafür spielt es für Gott keine Rolle, ob ich wie der Pharisäer vorne oder wie der Zöllner hinten stehe. Gott kennt unsere Herzen und unsere Gedanken. Er liebt uns Menschen so wie wir sind und er nimmt uns als solche an, denn schließlich hat er uns nach seinem Abbild erschaffen und wir sind Kinder Gottes. Somit fallen wir nicht aus seiner schützenden Hand und auch nicht aus seiner Gnade.

Trotzdem möchte ich ja gerne angeschaut werden und dadurch Ansehen erhalten. Gott sieht mich an und verleiht mir dadurch Ansehen. Dies sehen wir auch in der Geschichte des berühmtesten Zöllners im Lukasevangelium, die Begegnung Jesu mit dem Zöllner Zachäus. Zachäus hört, dass Jesus in der Stadt ist und er will ihn sehen. Damit verbunden ist wahrscheinlich auch der Wunsch, dass Jesus ihn ebenso sieht, ihn ansieht, ihm Ansehen verleiht. Und tatsächlich, Jesus hält an dem Baum, auf den Zachäus geklettert ist, an und schaut zu ihm herauf, er sieht ihn an. Und er schaut nicht auf ihn herab wie vermutlich viele andere in der Gesellschaft.
Auch im Alten Testament spielt das Sehen bzw. das Ansehen eine große Rolle, vor allem in der Abrahamgeschichte. Das hebräische Wort für Sehen kommt mehrfach vor und hat eine besondere Bedeutung. In der für vielen Menschen schwierigen Stelle, in der Abraham seinen Sohn opfern soll, heißt es mehrfach, dass der Herr sieht. Aber nicht nur er, sondern auch Abraham sieht. Abraham wird von Gott gesehen, ja angesehen. Gott sieht die Not, die Angst und die Sorge Abrahams. Er sieht ihn an und verleiht ihm dadurch Ansehen. Ähnlich ergeht es Hagar, nachdem sie in die Wüste geflohen ist, weil Sara sie hart behandelt hat. Der Engel des Herrn findet sie an einer Quelle und dort erhält sie die Verheißung der Geburt von Ismael und dass ihre Nachkommen zahlreich sein werden. Sie nennt Gott El-Roi – Gott, der nach mir schaut. Wieder ist es das Wort Sehen, das eine zentrale Rolle spielt. Und sie sagt weiter: Ich habe den geschaut, der nach mir schaut. Dieser Satz ist für mich ein ganz starker Satz und er zeugt von einer ganz tiefen Erfahrung, die Hagar gemacht hat.

Gott schaut uns an, er verleiht uns Ansehen und da spielt es keine Rolle, ob wir wie der Pharisäer in der ersten Reihe stehen oder wie der Zöllner weiter hinten. Schauen wir also in der nächsten Zeit auch nach dem, der nach uns schaut und lassen uns von seinem gütigen und liebevollen Blick beschenken.

Diesen Inhalt teilen...Share on Facebook398Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0Share on Tumblr0Email this to someonePrint this page