/Warum werden 2 Wochen vor Ostern die Kreuze verhüllt?

Warum werden 2 Wochen vor Ostern die Kreuze verhüllt?

Im Messbuch heißt es zum 5. Fastensonntag kurz und knapp: „Der Brauch, die Kreuze zu verhüllen, soll beibehalten werden.“
Was steckt dahinter, dass die Kirche in den letzten beiden Wochen der Fastenzeit ihre Kreuze mit einem violetten Tuch verhüllt, um schließlich am Karfreitag eine feierliche Kreuzenthüllung vorzunehmen?

Im Mittelalter waren es zuerst große, wuchtige Triumphkreuze, die man verhüllte.

Sie zeigten Jesus als König am Kreuz umringt von kostbaren Edelsteinen. Aber dieser Schmuck störte natürlich, wenn man an das bittere Leiden und Sterben Jesu erinnern wollte.
Im Spätmittelalter wurden die Darstellungen Jesu dann drastischer und lebensechter mit einem schmerzverzerrten Gesicht und viel fließendem Blut (die sieht man z.B. in Spanien auf dem Jakobsweg). Und auch diese Darstellungen sollten dann für eine gewisse Zeit dem Blick der Gläubigen entzogen werden, um klarzumachen: das Kreuz ist nicht ein bloßer Andachtsgegenstand, sondern das Kreuz erzählt uns eine wahre Geschichte, eine Geschichte, die wirklich passiert ist und die mit uns zu tun hat.

So wie der Künstler Christo Anfang der 90er Jahre den Berliner Reichstag verhüllt hat, um auf das “verpackte” Gebäude aufmerksam zu machen, so soll auch die Verhüllung des Kreuzes uns wieder auf das Wesentliche hinweisen.
Es geht um ein Einüben der Wahrnehmung, um ein Fokussieren der Aufmerksamkeit auf Dinge, an deren Anblick wir uns schon zu sehr gewöhnt haben. Ja man könnte vielleicht sagen: Verhülltes sieht man besser!
Durch Verhüllung wird Unsichtbares, Übersehenes, Gewohntes neu entdeckt und wird wieder bewusster wahrgenommen.

Eigentlich würde man ja erwarten, dass in der Passionszeit das Kreuz noch mehr als sonst dem gläubigen Betrachter vor Augen gestellt wird. Stattdessen wird es dort, wo es den zu Tode gemarterten Leib des Gekreuzigten zeigt, bedeckt und dem Blick des Betrachters entzogen.

Und darum verhüllt die Kirche für eine kurze Zeit ihre Kruzifixe. Wir sollen sozusagen die Augen des Herzens, die Augen des Glaubens aktivieren: mit dem inneren Auge sollen wir hinsehen, weil wir nur so frei und fähig werden, das zu erkennen, was Jesus selbst über seinen Tod gesagt hat: „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“

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