/Dein Zion streut dir Palmen

Dein Zion streut dir Palmen

Geistlicher Impuls zur Karwoche von fr. Augustinus Hildebrandt OP

palmzweigDein Zion streut dir Palmen
Und grüne Zweige hin,
Und ich will dir in Psalmen
Ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen
In stetem Lob und Preis
Und deinem Namen dienen,
So gut es kann und weiß.

So lautet die zweite Strophe des bekannten Kirchenliedes von Paul Gerhard (+1676) „Wie soll ich dich empfangen“. Am Palmsonntag empfängt Jerusalem seinen Messias. Der Gesalbte Gottes tritt sichtbar mitten unter sein Volk, das sich in der Heiligen Stadt versammelt hat, um dem unsichtbaren, verborgenen Gott in der Feier des Pessach zu begegnen. Wie reagiert das Volk, wie soll man reagieren, wen der, den man so sehnsuchtsvoll erwartet, den man mit so viel Hingabe dient, plötzlich kommt, leibhaftig kommt? Am Bahnhof kann man es manchmal beobachten, wenn zwei geliebte Menschen sich nach langer Zeit wiedersehen. Minutenlang verharren sie dann eng umschlungen, still, unfähig etwas zu sagen. Wie viel größer muss der Gefühlsausbruch des Volkes gewesen sein, als der kam, den sie so sehnlich erwarteten. Dann bricht sich die Freude Bahn, die Menschen reißen Zweige von den Bäumen und streuen sie auf den Weg, sie jubeln und schreien ihre ganze Freude, ihr Staunen und ihre Liebe heraus: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9)

Ein Triumph! Der Herr tritt ein in sein Heiligtum und sein Volk jubelt ihm zu. Die Verheißung hat sich erfüllt: „Juble und freue dich, Tochter Zion; denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte“ (Sach 2,14)

Doch die Stimmung schlägt schnell um, in der Liturgie des Palmsonntags dauert der Jubel nur wenige Minuten. Kaum ist der Herr eingezogen in sein Heiligtum, kaum steht er mitten unter seinem Volk, drängt sich das Leid ins Blickfeld. Was ist passiert in diesen wenigen Tagen. Wie kann das gleiche Volk, das gerade noch „Hosanna“ rief, nun „Ans Kreuz mit ihm!“ schreien?

Vielleicht ist es nicht sein Anspruch „Gottes Sohn“ zu sein, auch nicht der königliche Titel „Sohn Davids“ und am wenigsten sein Verzicht auf alle Insignien der Macht, die die Menge gegen ihn aufbringt. All das entsprach ja nur der biblischen Verheißung. Was die Stimmung am Ende umschlagen ließ, war nicht, dass Jesus den Erwartungen des Volkes und ihres Glaubens nicht entsprach, sondern vielmehr das er all dem, was die Schrift und die Propheten verheißen hatten, so vollkommen entsprach, das einem im wahrsten Sinn des Wortes angst und bange dabei werden konnte.

Die Menschen erkannten, dass dieser Jesus alles verändern würde, alles was sie von der Welt und von Gott wussten, auf den Kopf stellen würde, was sie bisher als unvermeidlich akzeptiert hatten. Und sie erkannten, dass dies ein schmerzhafter Weg werden könnte. Sie verstanden plötzlich, das, wenn sie Jesus nicht nur in ihrer Stadt, sondern auch in ihrem Herzen empfangen würden, sie unweigerlich in das Erlösungswerk Gottes mit hineingezogen würden. Und diese Erlösung würde alles abverlangen, Jesus und auch ihnen. Plötzlich verstanden sie, was Jesus meinte als er von dem Weizenkorn sprach, das sterben muss um Frucht zu bringen, oder als er sagte: „Wer das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10,39) Sie verstanden, dass die Erlösung und das Leben Jesus ihnen versprach, sie ihr bisheriges Leben kosten würde, das sie mit ihm leiden und sterben müssten um aufzuerstehen. Das alles macht ihnen Angst und so schrecken sie zurück vor Jesus und ihrer eigenen Erlösung.

Auch wir kennen diese Furcht vor all dem was uns erwartet, wenn wir uns ganz auf Jesus einlassen, ganz in seine Nachfolge eintreten, die immer Kreuzesnachfolge ist. Deshalb ruft die Kirche auch am Beginn der Heiligen Woche im heutigen Tagesgebet flehentlich aus: „Hilf uns, dass wir ihm auf dem Weg des Leidens nachfolgen und an seiner Auferstehung Anteil erhalten.“

Ja, Gott möge uns helfen, dass wir in den kommenden Tagen den Mut haben, mit Christus in die Tiefe der Schuld und des Leides, auch unserer Schuld und unseres Leides hinein zu steigen, um mit ihm Aufzuerstehen in sein neues Leben.

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